Titel: EM-Analyse – Die neuesten Trends in der Defensive

EM-Analyse – Die neuesten Trends in der Defensive

Im ersten Teil der Analyse der Euro 2020 haben wir das Offensivspiel der Teams genauer unter die Lupe genommen. Dabei haben wir unter anderem festgestellt, dass das Turnier mit 2,79 Tore je Spiel sehr torreich war – das spricht auf den ersten Blick erstmal für das Offensiv- und gegen das Defensivspiel der beteiligten Teams.


Jedoch gilt das nicht für alle Nationen. Einige Mannschaften haben ihre Hausaufgaben auch beim Spiel gegen den Ball gemacht – speziell die beiden Finalisten Italien und England. Beide Teams kassierten in der Gruppenphase kein einziges Gegentor. Die „Three Lions“ kassierten außerdem kein einzigen Gegentreffer aus dem Spiel heraus und insgesamt nur 2 Tore im kompletten Turnierverlauf.


Ein guter Grund einen genaueren Blick auf das Spiel gegen den Ball der Engländer zu werfen. Aber auch das Defensivspiel der anderen Nationen möchte ich mit euch analysieren, um die neuesten Entwicklungen beim Defensivspiel zu entdecken.

Zahlen zum Defensivspiel bei der Euro 2020

Teams

  • meisten Fouls je Spiel: Italien 12,7
  • wenigsten Gegentore je Spiel: England 0,29
  • Balleroberungen im letzten Drittel: Italien 45

Torhüter

  • meisten Spiele zu Null: Pickford (England) 5
  • meisten Paraden: Sommer (Schweiz) 21

Feldspieler

  • meisten Balleroberungen: Jorginho (Italien) und Akanji (Schweiz) 46
  • beste Zweikampfquote: Boyata (Belgien) 94,4 %
  • meisten Fouls: Jorginho (Italien) 19
  • meisten gelben Karten: Maguire (England) 3
  • meisten Pässe abgefangen: Jorginho (Italien) 25

Quellen:

https://sport.bild.de/fussball/uefa-euro/statistik-fouls/
https://de.uefa.com/uefaeuro-2020/statistics/players/defending/?sortBy=tackles
https://de.uefa.com/uefaeuro-2020/statistics/teams/
https://theanalyst.com/eu/2021/06/euro-2020-team-stats/

Tief stehen – nicht nur für die vermeintlich schwächeren Teams eine Option

Bei der Euro 2020 setzten viele Teams auf einen tiefstehenden, kompakten Block beim Spiel gegen den Ball. Dieser taktische Ansatz wird in aller Regel eher von Teams in einer Außenseiterrolle praktiziert. So setzt Schweden gegen Spanien beispielsweise auf ein stabiles 4-4-2, in welchem die Skandinavier ihren Gegner erst weit in der eigenen Hälfte stellten und damit ein torlose Remis erreichen konnten.

Doch nicht nur die eher schwächeren Teams setzten bei der Euro 2020 auf einen tiefen, kompakten Block. Auch ein paar Top-Teams stellten ihre Gegner phasenweise erst weit hinter der Mittellinie – besonders bei eigenen Führungen.

Frankreichs tiefer Block schafft viel Raum im Rücken der deutschen Abwehr

In der Partie Frankreich gegen Deutschland setzt der Weltmeister nach dem Eigentor von Hummels auf ein tiefes 4-5-1. Damit stieg zwar die Gefahr von Fernschusstoren und Freistößen in Tornähe, zeitgleich verkleinerten die Franzosen damit aber auch den Raum in der Rücken der eigenen Abwehr, wodurch es für Deutschland deutlich schwerer wurde die Tiefe zu bespielen.

Durch die zurückgezogene Positionierung von Frankreich wird der Weg zum gegnerischen Tor sehr weit. Sprich, nach Balleroberungen muss der Ball einige Meter zurücklegen, um in eine günstige Abschlussposition zu kommen. Ein vermeintlicher Nachteil, der für die Franzosen aber kein wirklicher Nachteil war – und zwar wegen Kylian Mbappe.


Die tiefe Positionierung der Franzosen und der Spielstand zwangen Deutschland sehr weit nach vorne. Folglich entstand sehr viel Raum im Rücken der deutschen Abwehr – Raum, welchen die Franzosen nach Balleroberungen immer wieder zügig bespielten, um Mbappe in Spiel zu bringen. Dieser konnte dann seinen Geschwindigkeitsvorteil gegenüber Hummels und Kimmich ausspielen.

Vor- und Nachteile einer tiefen Positionierung

VorteileNachteile
Weniger anfällig für Pässe in den Rücken der eigenen AbwehrHöheres Risiko für Gegentore nach Fernschüssen
Umschaltspiel: viel Raum im Rücken der gegnerische Abwehr. Ideal für Pässe in die TiefeHöheres Risiko für Freistöße in Tornähe
Umschaltspiel: Entfernung zum gegnerischen Tor ist sehr groß

Spanien setzte auf eine hohes Pressing und auf ein situatives Angriffspressing

Aber selbstverständlich setzen nicht alle Teams auf eine tiefstehende Hintermannschaft. Einige Mannschaften entschieden sich auch für ein höheres Pressing und von diesen Teams praktizierten auch einige ein situatives Gegenpressing.


Besonders erfolgreich waren dabei die Spanier. Die spanische Auswahl ging häufig nach Risikopässen in den Rücken der Abwehr oder nach Ballverlusten auf den Außenbahnen ins Gegenpressing – die Voraussetzungen dafür waren ideal, da die Spanier in ihrem Positionsspiel häufig Gleich- oder Überzahl in der Nähe des Balles herstellten. Dies eignet sich für ein Kurzpassspiel auf engem Raum aber eben auch für ein Gegenpressing.

Ballbesitzquote und PPDA-Werte als Beleg für ein erfolgreiches Gegenpressing

Ein guter Beleg für das erfolgreiche Gegenpressing der Spanier ist ihr PPDA-Wert aber auch ihre Ballbesitzquote bei der Euro 2020. Selbstverständlich liegt der hohe Ballbesitzanteil der Spanier auch an ihren Kombinationen über vielen Stationen aber auch an ihrem Gegenpressing – Wer den Ball schnell zurückerobert hat auch viel Ballbesitz.

Ballbesitz Quote Euro 2020 – Top 3

  1. Spanien 66,8 %
  2. Deutschland 59,3%
  3. Niederlande 54,8 %

Quelle: https://de.uefa.com/uefaeuro-2020/statistics/

PPDA-Werte Euro 2020 – Top 3

  1. Spanien 8,1
  2. Polen 11,5
  3. Österreich 11,8

Quelle: https://theanalyst.com/eu/2021/06/euro-2020-team-stats/

Der PPDA-WERT (Passes per defensiv Action):


Der PPDA-Wert gibt an, wie viele Pässe ein Gegner außerhalb des eigenen letzten Drittels spielen konnte, bevor es zu einer Defensivaktion (gewonnene aber auch verlorene Zweikampf, Fouls, abgefangene Pässe) kam. Ein niedrigen PPDA-Wert deutet auf ein hohes Pressing aber auf häufig auch auf ein häufiges Gegenpressing hin. Ein hoher PPDA-Wert ist ein eher ein Beleg für ein tiefes Pressing.

Beispiel für ein erfolgreiches Gegenpressing der Spanier

In dieser Spielszene der Begegnung Spanien gegen Schweden spielte Ferran Torres einen Fehlpass. Unmittelbar nach dem missglückten Zuspiel wird der ballbesitzende Forsberg sofort von 3 Spielern unter Druck gesetzt und zu einem Zuspiel nach außen gezwungen. Spanien hat Schweden gut umstellt und lässt diesen keine Chance den Ball raus aus dem Druck zu spielen.

Nachdem Forsberg den Ball nach außen zu Berg gespielt hat, wird dieser sofort von 3 Gegenspielern umstellt und attackiert. Berg ist in klarer Unterzahl, abgeschnitten vom restlichen Spiel und verliert folglich auch den Ball. Lediglich 3 Sekunden lagen zwischen Ballverlust und Balleroberung der Spanier.

Starker Fokus auf Konter Absicherung

Ins Gegenpressing zu gehen ist auch eine Möglichkeit um schnelle Konterangriffe zu unterbinden. Ein andere Option, um sich vor zügigen Gegenangriffen des Gegners zu schützen, ist das Bilden einer ausreichenden Restverteidigung. Diese sorgt dafür, dass nach Ballverlusten immer noch in Gleich- oder noch besser Überzahl verteidigt werden kann.


Bei der Euro 2020 legten viele Teams einen hohen Wert auf ausreichende Konterabsicherungen, welche ganz offensichtlich auch gut funktionierten – in der Gruppenphase fielen nur 8,5% der Treffer nach Kontern.

Quelle: https://www.sportschau.de/fussball/uefaeuro2020/fussball-uefa-euro-trends-statistiken-nach-der-vorrunde-gruppenphase-100.html

Die englische Restverteidigung

England hat bei der Euro 2020 eine mehr als ausreichende Absicherung. Fast immer wenn die Elf von Gareth Southgate den Ball in den eigenen Reihen hatte, bildeten 4 oder sogar 5 Akteure eine Restverteidigung.

Auch in der Begegnung gegen Deutschland setzten die „Three Lions“ auf einen numerischen Vorteil bei der Absicherung. Obwohl die 3-Kette der Engländer in Überzahl gegen Müller und Gnabry agieren könnten, bietet sich Declan Rice nicht im Rücken der beiden deutschen Offensivspieler an. Der Sechser bleibt zwischen den zwei Gegenspielern und dem eigenen Tor. Dadurch könnte England immer noch im 4-gegen-2 agieren, wenn es zu einem Fehler im Aufbauspiel kommt.

Geringeres Risiko zahlte sich aus

Wie bereits erwähnt, kassierten die Engländer kein einziges Tor aus dem Spiel heraus. Ein Grund dafür war die mehr als ausreichende Absicherung bei eigenem Ballbesitz. Selbstverständlich entstehen dadurch aber auch ein numerischer Nachteile im Offensivspiel, da sich weniger Akteure mit nach Vorne einschalten können. Wer jedoch im letzten Drittel so stark wie die Engländer besetzt ist, braucht nicht unbedingt viele Spieler um ein Tor zu erzielen.

Bei der Euro 2020 spielten 5 der 10 wertvollsten Spieler in den Reihen der Engländer. Alle 5 Akteure sind gelernte Angreifer. Southgates starker Fokus auf die Defensive war also kein Mangel an Mut, sondern vielmehr ein Privileg – ein Privileg, welches er seiner herausragenden Offensive zu verdanken hatte.

Die 10 wertvollsten Spieler der Euro 2020

  1. Kylian Mbappé (Frankreich) 160 Mio. €
  2. Harry Kane (England) 120 Mio. €
  3. Jadon Sancho (England) 100 Mio. €
  4. Kevin De Bruyne (Belgien) 100 Mio. €
  5. Romelu Lukaku (Belgien) 100 Mio. €
  6. Raheem Sterling (England) 90 Mio. €
  7. Joshua Kimmich (Deutschland) 90 Mio. €
  8. Frenkie de Jong (Niederlande) 90 Mio. €
  9. Bruno Fernandes (Portugal) 90 Mio. €
  10. Marcus Rashford (England) 85 Mio. €

Verteidigen mit 5er-Kette

Bei der Analyse der Trends in der Offensive bei der Euro 2020 wurde unter Anderem festgestellt, dass viele Teams mit einer 3er-Kette aufbauen. Der Aufbau mit 3 anstatt 2 Spielern in der ersten Linie trägt ebenfalls zu einer besseren Konter Absicherung bei und wurde häufig in Verbindung mit einer 5er-Kette im Spiel gegen den Ball praktiziert.

Die Auswirkungen der 5er-Kette auf die Euro 2020

  • Wenig Angriffe durch die Mitte – Viele Angriffe bei der Euro 2020 wurden über die Außenbahnen vorgetragen, da die Flügel bei Systemen mit 5 Verteidigern in aller Regel nur einfach besetzt sind. Dafür haben Teams, welche beispielsweise im 5-3-2 oder 5-3-2-1 verteidigen, mehr Kompaktheit im Zentrum und in den Halbräumen.
  • Schnittstellen Pässe wurden erschwert – bei Spiel mit 5 anstatt 4 Verteidigern sind die Abstände zwischen den einzelnen Abwehrspielern in aller Regel kleiner. Folglich wird es schwieriger die Bälle durch die Lücken zwischen den Verteidigern zu spielen.
  • Verteidiger konnten mutiger und frühzeitiger aus der Kette rausrücken – Durch den zusätzlichen Mitspieler in der Kette, kann diese auch mutiger und frühzeitiger verlassen werden – das gilt sowohl für die Außenverteidiger aber auch für die Halbraumverteidiger.
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