Titel: Positionen im Wandel – Moderne Spielertypen

Positionen im Wandel – Moderne Spielertypen

Vor 2 Jahrzehnten gab es keine Zweifel daran, dass der „Spielmacher“ auf der Zehner-Position beziehungsweise im offensiven Mittelfeld spielt. Im Zentrum hinter den Spitzen haben Ronaldinho, Zidane oder etwas später auch Messi das Spiel ihrer Teams gestaltet und die Mitspieler gekonnt in Szene gesetzt.

Mittlerweile agieren die „Spielgestalter“ schon lange nicht mehr im zentralen, offensiven Mittelfeld – die Räume, welche der klassische Zehner besetzt, sind einfach zu eng geworden. Im modernen Fußball gibt es beim Spiel gegen den Ball einen besonders starken Fokus auf der Sicherung der Feldmitte, weshalb das Spiel nun in tieferen oder auch breiten Positionen „gestaltet“ wird.

Für den Zehner als Spielmacher sind die Räume inzwischen viel zu begrenzt.

Louis Van Gaal

Spielmacher im modernen Fußball

Die Rolle des Spielgestalters hat sich nicht nur im Hinblick auf die Räume, sondern auch im Bezug auf die Verantwortung gewandelt. Während der klassische Zehner in der Vergangenheit der alleinige Spielgestalter war, ist Kreativität heutzutage vielmehr eine kollektive Aufgabe.

Das Spiel wird nun maßgeblich von den Innenverteidigern, den Sechsern aber auch den Achtern sowie den Außenbahnspielern gestaltet – so entstand auch die Position des „Wide Playmakers“

„Wide Playmaker“ – Kreativität von der Außenbahn

Der „Wide Playmaker“ oder auch breite Spielmacher agiert auf der Position eines Außenstürmers. Obwohl die Grundposition auf dem Spielfeld zwar die selbe ist, tritt der „Wide Playmaker“ in aller Regel mit anderen Handlungen als der klassische Flügelstürmer in Erscheinung.

Der Außenstürmer wird meist mit Dribblings in Richtung Grundlinie und Flanken von dort, sowie Laufwegen in die Tiefe in Verbindung gesetzt. Der breite Spielmacher steuert, wie der Name bereits erahnen lässt, dagegen vielmehr Kreativität bei. Die Rolle des „Wide Playmakers“ lässt sich wohl am Besten mit dem prominentesten Beispiel dieser Position erklären – Jack Grealish.

Jack Grealish – das perfekte Beispiel für einen „Wide Playmaker“

Jener Jack Grealish wechselte zur Saison 2021/22 für 118 Mio. € zu Manchester City, nachdem dieser bei Aston Villa als Spielgestalter auf dem Flügel auf sich aufmerksam gemacht hat.

Jack Grealish – Saison 20/21

Verein: Aston Villa
Spiele: 26
Tore: 6
Assists: 10

Quelle: https://www.premierleague.com/players/4260/Jack-Grealish/stats?co=1&se=363

Dort spielte der Rechtsfuß Grealish meist auf der linken Außenbahn. Ähnlich wie Robben suchte der Engländer aus der Breite häufig das Dribbling in die Feldmitte. Anders als Robben aber, hatte Grealish in der Folge jedoch ein deutlich vielseitigeres Repertoire an Anschlussaktionen – Der dribbelstarke „Wide Playmaker“ zeigte präzise Schnittstellenpässe und Halbraumflanken auf den 2. Pfosten, eigene Abschlüsse sowie Verlagerungen nach dem Binden von mehreren Gegenspielern.

(0:11 bis 0:58)

Die „falsche“ Neun

Grealish hat die Position des breiten Spielmachers wesentlich mitgeprägt und wird somit oftmals mit dieser Rolle in Verbindung gesetzt. Ein weitere Position des modernen Fußballs, die noch deutlicher mit einem Spieler assoziiert wird, ist die „falsche“ Neun. Kein geringer als Lionel Messi hat diese Position als Erster ausgeführt und über Jahre beim FC Barcelona perfektioniert.

Was ist eine „falsche“ Neun?

Die falsche“ Neun“ agiert auf dem Papier zwar im Sturmzentrum, lässt sich jedoch immer wieder ins Mittelfeld und zwischen die Linien des Gegners fallen. Dadurch können zum einen Überzahlsituationen hergestellt werden oder zum anderen auch gegnerische Innenverteidiger aus der letzte Kette gezogen werden.

Ein Beispiel für das Agieren einer „falschen“ Neun

Um das Agieren einer „falschen“ Neun besser nachvollziehen zu können, möchten wir eine konkrete Spielsituation beleuchten. In der oberen Abbildung ist ein ballbesitzendes Team im 4-3-3 zu sehen, welches in rot spielt. Die verteidigende Mannschaft agiert im 4-2-3-1 in blauen Trikots. Der rechte Innenverteidiger spielt den Ball im Spielaufbau zu dem Sechser. Dieser kann zwischen 2 Gegenspielern aufdrehen, wird jedoch direkt von der Seite unter Druck gesetzt.

Das Agieren mit einem „klassische“ Mittelstürmers

Der Sechser hat 3 kurze Anspielstationen, um das Spiel nach vorne fortzusetzen – entweder der defensive Mittelfeldspieler spielt einen der beiden Achter oder den Mittelstürmer an. Die beiden gegnerischen Sechser haben jedoch Zugriff auf die Achter und der Mittelstürmer müsste nach einem Zuspiel geschlossen zur Spielrichtung agieren.

Das Agieren der „falschen“ Neun

Gehen wir nun davon aus, dass der Angreifer als „falscher“ Neuner agiert, welcher sich in den Zehnerraum fallen lässt. Nun entsteht für die beiden gegnerischen Sechser eine 3-gegen-2-Unterzahl Situation. Agieren die beiden defensiven Mittelfeldspieler des verteidigenden Teams zu eng, haben sie keinen Zugriff mehr auf die beiden Achter in den Halbräumen. Orientieren sich die Sechser zu den Achtern, kann der „falsche“ Neuner aufdrehen und offen zur Spielrichtung agieren.

Um dieser Überzahl entgegenzuwirken, können sich die gegnerischen Sechser stärker zu den Achtern orientieren und der „falschen“ Neun kann ein Innenverteidiger folgen. Dadurch wird es deutlich schwerer die Achter oder die „falsche“ Neun offen zur Spielrichtung einzusetzen. Dafür lässt sich jedoch sehr gut der Raum im Rücken des rausschiebenden Innenverteidigers bespielen.

Box-to-Box-Mittelfeldspieler

Eine weitere Position, die auf die Entwicklungen des modernen Fußballs zurückzuführen ist, ist der „Box-to-Box-Mittelfeldspieler“. Wie der Name bereits verrät, spielt dieser Spielertyp von „Box“ zu „Box“, was im englischen für Strafraum steht – folglich ist diese Form des zentralen Mittelfeldspielers in vertikaler Richtung immer auf Höhe des Geschehens.


Die Möglichkeit überhaupt mit einem „Box-Box-Mittelfeldspieler“ agieren zu können, liegt wohl auch an der stetig voranschreitenden Professionalisierung des Sports – speziell im Bereich Athletik und Kondition, da diese Rolle enorm laufintensiv ist.

Box-to-Box-Mittelfeldspieler in der DFB-Elf

Zwei sehr bekannte „Box-to-Box-Mittelfeldspieler“ aus dem deutschen Fußball sind Leon Goretzka oder Sami Khedira. Zweiterer stellte die Laufintensität dieser Position vor allem bei der WM 2014 unter Beweis. Der ehemalige Spieler von Real Madrid lief in dem Turnier in Brasilien mehr als jeder andere deutsche Spieler je Spiel.

Top Laufleistungen der deutschen Nationalspieler je 90 Minuten bei der WM 2014

1. Sami Khedira 11,3 km
2. Bastian Schweinsteiger 11,1 km
3. Thomas Müller 11 km

Quelle: https://rp-online.de/sport/fussball/wm/dfb/deutschland-argentinien-der-etwas-andere-vergleich_bid-19511737#2

Der Flügelverteidiger

Eine ebenfalls sehr laufintensive Rolle üben die Flügelverteidiger aus. Ehrlicherweise muss zu dieser Position jedoch gesagt werden, dass sie nicht komplett neu und damit keine „Erfindung“ des modernen Fußballs ist. Vielmehr erlebt diese Position momentan eine Art Renaissance, denn der Flügelverteidiger kam bereits in den 80ern häufig zum Einsatz. Speziell in Italien agierten zu dieser Zeit viele Teams mit Dreierketten und sogenannten Flügelläufern, welche die komplette Seite offensiv wie defensiv bearbeiteten.

Die Bedeutung der Außenverteidiger in der Viererkette

In den vergangenen beiden Jahrzehnten wurde dann größtenteils mit Viererkette in der Abwehr und damit häufig mit doppelt besetzten Außenbahnen agiert. Daher war es für die Außenverteidiger nicht zwingend notwendig sich bis zur gegnerischen Grundlinie nach vorne einzuschalten – auch wenn dies viele Teams so praktizierten.


Zeitgleich ist die defensive Verantwortung auf der letzten Linie für Außenverteidiger auch etwas größer, da nur in der Viererkette mit 2 zentralen Verteidigern agiert wird. Demnach ist es wichtiger, dass der ballferne Außenverteidiger auf die letzte Linie kommt und einschiebt, und das Zentrum mit abzusichert.

Immer mehr Teams setzten auf 3er-/5er-Kette

In den letzten Jahren geht die Entwicklung aber wieder etwas weg von der Viererkette – immer mehr Teams spielen mit 3 Aufbauspielern bei Ballbesitz und mit 5 Verteidigern gegen den Ball. In diesen Formationen ist die äußere Linie in aller Regel nur einfach besetzt – und zwar durch die Flügelverteidiger. Folglich müssen diese Zwangsläufig die komplette Außenbahn bearbeiten.

Der Trend zur 5er-Kette zeigte sich auch bei der Euro 2020:

Tuchel setzt auf 5er-Kette

Ein Trainer, der seit seinem Wechsel zu Chelsea fast immer mit einer 5er-Kette gegen den Ball und Flügelverteidigern agiert, ist Thomas Tuchel. Der aktuelle Sieger der Champions League setzt dabei häufig auf ein 5-2-3 gegen den Ball.


Dabei hat die vorderste Reihe vor allem die Aufgabe, die Passwege ins Zentrum zu schließen. Folglich müssen die Flügelverteidiger James und Chilwell sehr hoch anlaufen, sobald der Ball in die Breite gespielt wird. Zeitgleich schließt der ballferne Flügelverteidiger immer wieder die letzte Linie.

Gosens als torgefährlicher Flügelverteidiger

Diese weiten Wegen machen die Flügelverteidiger jedoch nicht nur gegen, sondern auch mit dem Ball. Dadurch sorgen sie dafür, dass die Breite auch in der Tiefe besetzt/belaufen wird. Ein hervorragendes Beispiel für einen Flügelverteidiger, der die Wege fast immer mit nach vorne geht, ist der deutsche Nationalspieler Robin Gosens.


Der linke Flügelverteidiger Robin Gosens agiert häufig als Zielspieler am 2. Pfosten, wenn Angriffe über der rechten Seite vorgetragen werden. Auf diese Weiße traf der Spieler regelmäßig für seinen ehemaligen Verein Atalanta Bergamo und sorgte auch für die deutsche Nationalmannschaft bei der Euro 2020 für Torgefahr – speziell im Spiel gegen Portugal

Fazit

Da sich der Fußball stetig weiterentwickelt, verändern sich auch zwangsläufig die Positionen. Das führt dazu, dass ein und dieselbe Position mit ganz anderen Anforderungen und Aufgaben als noch vor 20 Jahren verbunden ist. Ein Innenverteidiger musste damals vor allem verteidigen können. Mittlerweile ist er mindestens genauso stark als Spielgestalter im Aufbauspiel gefragt. Teilweise weichen die Aufgaben und Anforderungen so stark von der „klassischen“ Ausführung einer Position ab, dass die Rolle einen neue Bezeichnung bekommt. Dafür sind der „Box-to-Box-Spieler“ oder die „falsche“ Neun hervorragende Beispiele.


Der „Wide Playmaker“ scheint das genaue Gegenteil zu sein – selbe Aufgaben, andere Grundposition. Letztendlich hängt dies jedoch nur mit der Bezeichnung zusammen. Genauso gut hätte der „Wide Playmaker“ auch „spielmachender Außenstürmer“ heißen können und das Prinzip bliebe das Gleiche – andere Aufgaben, selbe Grundposition.


Der Flügelverteidiger ist dagegen vielmehr als eigenständige Position zu betrachten und nicht als eine Abwandlung des Außenverteidigers. Die Positionen haben natürlich auch parallelen, treten jedoch in unterschiedlichen Formationen in Erscheinung. Bei defensiven Grundordnungen mit 5-Kette werden die äußeren Spieler typischerweise als Flügelverteidiger bezeichnet, während in Viererketten eigentlich immer von Außenverteidigern gesprochen wird.

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