Titel: Rasenschach – 5 kreative Schachzüge für das Offensivspiel

Rasenschach – 5 kreative Schachzüge für das Offensivspiel

Wer regelmäßig Schach als auch Fußball spielt, wird feststellen, dass diese beiden Sportarten einige Gemeinsamkeiten haben – Eine Partie kann beispielsweise fast durchgehend dominiert werden aber eine einzige Unkonzentriertheit kann am Ende trotzdem zu einer Niederlage führen. Andersherum kann jedoch auch ein clever Schachzug ausreichen, um als Sieger vom Brett beziehungsweise Spielfeld zu gehen. In diesem Beitrag möchten wir euch X solcher genialer „Züge“ für das Offensivspiel vorstellen.

1. Der Stürmer im Abseits

Ein Stürmer in einer Abseitsstellung wird im ersten Moment nicht unbedingt mit einem effektiven Angriffsmuster verbunden. Vielmehr wird damit wohl eher ein lauffauler Angreifer assoziiert, der nach einem Befreiungsschlag des Gegners behäbig Anschluss an das Spielgeschehen herstellt.

Der Stürmer im „Abseits“ als Zielspieler in der Tiefe

Tatsächlich kann ein Angreifer in einer Abseitsstellung jedoch ein Mittel für das Offensivspiel sein, welches schwer zu verteidigen ist. Der Stürmer ist zwar erstmal nicht anspielbar, kreiert jedoch eine gemeine Ausgangslage für die gegnerischen Innenverteidiger – diese müssen natürlich den Ball im Auge behalten, gleichzeitig aber auch den Stürmer. Dieser könnte die Abseitsstellung jederzeit verlassen, um ins Spiel einzugreifen – beispielsweise mit einem bogenförmigen Laufweg auf die letzte Linie, um in der Tiefe angespielt zu werden.

Der Angreifer beläuft bogenförmig die letzte Linie des Gegners, um Tempo aufzunehmen und die Abseitsstellung kurzzeitig zu verlassen. Sobald der Angreifer die Abseitsstellung kurzzeitig verlassen hat, folgt der Pass und der Laufweg in die Tiefe. Das Blickfeld des gegnerischen Innenverteidiger auf der ballnahen Seite ist grau gekennzeichnet.

Der Stürmer im „Abseits“ als Zielspieler nach einem Pass in die Tiefe

Ein Stürmer im Abseits kann nicht nur gut als Zielspieler für einen Pass in die Tiefe genutzt werden, sondern auch nach einem Pass in den Rücken der gegnerischen Abwehr. Wird zum Beispiel ein Außenbahnspieler in der Tiefe eingesetzt, hat der Stürmer auf dem Weg in den Strafraum wenige Meter Vorsprung gegenüber den gegnerischen Innenverteidiger. Diese kleine Abstand zu den zentralen Verteidigern kann jedoch ausreichen, um eine anschließende Hereingabe ungestört im Tor unterzubringen.

Der ball ferne Flügelspieler wird mit einem diagonalen Flugball in der Tiefe eingesetzt. Der Flügelspieler spielt anschließend eine Hereingabe zu dem zentralen Angreifer, der den Ball direkt im Tor unterbringt. Der Stürmer war anspielbar und hatte keinen Gegendruck, da dieser durch seine Abseitsstellung einen Vorsprung gegenüber den gegnerischen Innenverteidigern hatte.

2. Tiefen Laufwege aus dem Halbraum

Der Stürmer im Abseits ist vor allem für das Spiel in den Rücken der gegnerischen Kette ein effektiver Ansatz. Beim unserem zweiten „Schachzug“ wird ebenfalls die Tiefe belaufen – jedoch nicht vorrangig um diese zu bespielen, sondern vielmehr um die Feldmitte zu öffnen und/oder günstige Rahmenbedingungen für eine Verlagerung zu schaffen.

Dafür werden Tiefen Laufwege im Halbraum bei Ballbesitz in breiten Positionen durchgeführt. Durch die Bewegung hinter die Kette wird oftmals ein gegnerischer Mittelfeldspieler mit in die Tiefe gezogen, so dass Raum im Zentrum entsteht.

Italiens Tiefen Laufwege im Halbraum gegen tiefstehende Waliser

Das soeben beschrieben Angriffsmuster und dessen Effekt, ließ sich sehr häufig bei der Begegnung Italien gegen Wales bei der letzten Europameisterschaft beobachten. Die Spieler des späteren Turniersiegers Italien führten nach Pässen auf die Außenbahn immer wieder Tiefe Laufwege im Halbraum durch. Dadurch wurde oftmals ein gegnerischer Mittelfeldspieler gebunden und der Weg in die Feldmitte geöffnet.

Video

Die Tiefen Laufwege aus dem Halbraum sind in der dargestellten Hintertorperspektive besonders gut zu erkennen. In dieser Ballbesitz Phase der Italiener werden die Pässe auf die Außenbahn in Verbindung mit dem Laufwege in die Tiefe bei 0:30 und 0:49 eingeleitet.

3. Überladungen

Unser nächster „Schachzug“ sind Überladungen. Dieses taktische Mittel kann auf sehr viel verschiedene Art und Weisen genutzt werden kann. Das Grundprinzip von Überladungen ist das temporäre Herstellen einer Überzahlsituation in einem bestimmten Bereichen des Spielfeldes. Hier sind einige Beispiele, wie Überladungen genutzt werden können:

  • Bei Spiel mit langen Bällen kann in der Nähe eines Ziel Spielers eine Überzahl kreiert werden, um die Chancen auf die Eroberung eines 2. Balles zu erhöhen.
  • Wird gezielt mit Verlagerungen gespielt, kann die ballferne Seite überladen werden. Im Anschluss an die Spielverlagerung kann die Überzahl ausgespielt werden.
  • Bei Flanken oder auch Ecken und indirekten Freistößen kann der Rückraum überladen werden. Dabei wird ebenfalls eine Eroberung des 2. Balles nach einem Defensiv Kopfball anvisiert.
  • Überladung des 2. Pfostens bei Hereingaben gegen ein gegnerische Manndeckung. Dadurch kann ein 1 gegen 1 am 1. Pfosten isoliert werden – im Idealfall hat der Zielspieler am 1. Pfosten einen „Gegenspieler“, der bei Luft Zweikämpfen schwächer einzuschätzen ist.
  • Überladung des 2. Pfostens gegen eine Raumdeckung. Mit Hilfe der Überzahl und des gezielten Bespielen des 2. Pfostens soll Chance auf einen Torabschluss erhöht werden.

Überladung des 2. Pfostens bei Halbraum Flanken

Das letzte Beispiel möchten werden wir nun noch etwas genauer unter die Lupe nehmen. Hansi Flick setzte bei seiner Zeit bei Bayern München oftmals auf Halbraum Flanken auf den 2. Pfosten, der zuvor überladen wird – auch das einzige Tor im Finale der Champions League erzielte Bayern auf diesem Weg:

https://youtu.be/aO8q3TAxBRo (bis 0:21)

Coman besetzt als ballferner Flügelspieler bereits frühzeitig den Raum vor dem 2. Pfosten. Nach der ersten, abgewehrten Hereingabe setzt sich auch Lewandowski in Richtung des ballfernen Pfostens ab und deutet an, welchen Raum Kimmich bespielen soll. Auch Goretzka beläuft den Raum am 2. Pfosten, wodurch dort eine Überzahl entsteht.

4. Das Spiel über den Dritten

Zugegeben, das Spiel über den Dritten ist mit Sicherheit ein taktisches Mittel, welches die meisten Trainer bereits kennen. Jedoch darf dieser „Schachzug“ in unserer Auflistung trotzdem nicht fehlen. Ohne diese Form des Kombinationsspiels ist schwer im modernen Fußball zu bestehen, wenn der Ball sicher nach vorne kombiniert werden soll. Die Pressing Strategien des verteidigenden Teams sind mittlerweile so gut durchdacht, dass es immer wieder zur Isolation einzelner ballführender Spieler kommt – Solche Situationen können dann oftmals nur noch durch ein 1 gegen 1 oder eben ein Spiel über Dritten gelöst werden.

Beispiel für das Spiel über den Dritten

In dem folgenden Video sehen wir eine Spieleröffnung von Manchester City gegen West Ham United. Das verteidigende Team stellt die Eröffnung mit 5 Spielern zu, so dass sich mit dem Torhüter ein 6 gegen 5 ergibt – es gibt also zwangsläufig einen „freien“ Spieler. Nach dem eröffnenden Pass und dem Rückpass zum Torhüter ist der einzige „freie“ Spieler jedoch im Deckungsschatten des pressenden Spielers. Um den Spieler ohne direkten Gegenspieler trotzdem ins Spiel zu bekommen, nutzt City den linken Innenverteidiger für das Spiel über den Dritten.

(bis 0:25)

5. Gegengleiche Freilauf Bewegungen

Ein ebenso bekanntes aber auch effektive taktische Mittel wie das Spiel über den Dritten sind gegengleiche Freilauf Bewegungen – speziell auf Höhe auf Höhe der letzten Linie des Gegners sorgt diese Form des Anbiete- und Freilaufverhalten immer wieder für Probleme bei Abwehrspielern – dem entgegenkommenden Gegenspieler folgen oder die Tiefe sichern? Wird dem entgegenkommenden Gegenspieler gefolgt, wird der Raum im Rücken der Abwehr leichter bespielbar. Wird die letzte Linie dagegen gehalten, ist die Tiefe zwar gesichert aber der Passempfänger kann zur Spielrichtung aufdrehen.

Beispiel: Ballnah kommt, ballfern geht

In der Ausgangssituation sehen wir einen andribbelnden Innenverteidiger. Der ballnahe Stürmer kommt dem ballführenden Spieler etwas entgegen und besetzt damit den Raum zwischen den beiden Linien des Gegners. Der ballferne Stürmer beläuft dagegen den Raum in der Tiefe.

Folgt der ballnahe Innenverteidiger des Gegners dem entgegenkommenden Stürmer, kann der ballferne Angreifer gut in der Tiefe eingesetzt werden.

Hält der ballnahe Innenverteidiger die letzte Linie, kann der entgegenkommende Angreifer angespielt werden und aufdrehen.

Viele Möglichkeiten für gegengleiche Freilauf Bewegungen

Diese abgestimmten Freilauf Bewegungen müssen natürlich nicht zwangsläufig von 2 Stürmern durchgeführt werden, sondern können auf sehr viel unterschiedliche Art und Weisen angewendet werden – beispielsweise durch auf der Außenbahn, indem sich ein Flügelspieler sich zwischen die beiden letzten Linien löst und der Außenverteidiger die Tiefe sucht. Eine weitere Möglichkeit wäre zum Beispiel noch das entgegenkommen eines Stürmers in Verbindung mit einem Tiefen Laufweg eines Achters oder Zehners.

6. Entgegen der Dynamik der letzten Kette des Gegners spielen

Eine Abwehrkette muss nicht nur durchgehend in der Breite verschieben, sondern auch immer wieder die Höhe anpassen. Im Normalfall hat eine gut ausgebildete Abwehrreihe klar definierte Anhaltspunkte im Bezug auf die Höhe – Die Abwehrspieler wissen genau, wann Sie nach vorne schieben oder sich fallen lassen müssen.

Diese Abläufe in der letzte Kette können jedoch im Offensivspiel auch zum richtigen Zeitpunkt ausgenutzt werden, um den Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen:

  • Nach abgewehrten Standards oder Rückpässen ist der erstem Impuls oftmals ein Rausrücken der letzten Kette. In dieser Situationen kann der Gegner sehr gut mit einem Ball in die Tiefe überrascht werden.
  • Hat ein ballführender Aufbauspieler keinen oder wenig Gegnerdruck führt dies oftmals eher zu einem leichten Fallen der letzten Kette – speziell, wenn der ballführende Spieler den Ball etwas vorlegt und damit einen Flugball andeutet. Diese Verhaltensmuster kann ausgenutzt werden, um den Raum vor der letzten Kette zu bespielen.

Schlusswort

Abschließen wollen wir diesen Beitrag mit einem beispielhaften Video für das Agieren entgegen der Dynamik der letzten Kette des Gegners. In dieser Spielszene deutet Busquets vom FC Barcelona einen Pass hinter die letzte Kette des Gegners an. Dadurch setzen diese sich nach hinten ab. Tatsächlich bespielt Busquets aber unerwartet den Raum zwischen den Linien und der Passempfänger Messi kann aufdrehen. Diese Aktion ist sinnbildlich für Busquets gutes Gefühl für den Raum – er ist zwar kein herausragender Athlet oder Zweikämpfer aber wahrhaftig ein Meister des Rasenschachs.

(0:18 bis 0:26)

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